Sogkräfte

Ein Leben zwischen Deutschland und Russland

Geschichten. Immer wieder und überall meine „russischen Geschichten“.

Und dann meist dieselbe Reaktion: „Darüber müssen Sie doch ein Buch schreiben!“

 

Ich konnte mir das aber nicht vorstellen, denn das mündliche Erzählen liegt mir einfach mehr. Und so war es ein Glücksfall, dass ich Natalia Barannikova traf, mich mit ihr anfreundete und mich kurz darauf das Angebot aus Russland erreichte, meine Geschichten als Buch zu veröffentlichen. Wir begannen mit der Arbeit: Ich erzählte in russischer Sprache über mein Leben, und Natalia formte daraus einen literarischen Text. Dafür kann ich ihr nicht genug danken.

 

In der größten Moskauer Buchhandlung mit meinem gerade erschienen Buch "Perevod Russkogo. Dnevnik frojljajn Mjuller – frau Ivanov“ , August 2018.

Mit Natalia Barannikova bei der Buchvorstellung anlässlich des Zweiten Eurasischen Frauenforums, Sankt Petersburg, September 2018.


Das Produkt unserer gemeinsamen Arbeit erschien dann tatsächlich 2018 unter dem russischen Titel „Perevod Russkogo. Dnevnik frojljajn Mjuller – frau Ivanov“ („Übersetzung des Russischen. Das Tagebuch von Fräulein Müller – Frau Iwanow“) im Moskauer Bombora-Verlag.

Es folgten viel beachtete Buchpräsentationen in Russland und bald auch eine erste Vorstellung des Buches im Rahmen einer Veranstaltung des Freiburger Zwetajewa-Zentrums und der West-Ost-Gesellschaft.

 

Musikalische Lesung bei der Karl Bulla Stiftung für historische Fotografie in Sankt Petersburg, November 2019.

 

Auch diese erste Lesung einzelner Kapitel aus der deutschen Übersetzung, mit der mich meine Freundin, die Freiburger Slawistin Elisabeth Cheauré, beschenkt hatte, fand großen Zuspruch. Dennoch zögerte ich lange, diese Sammlung von Episoden meines Lebens und meinen speziellen, von jahrzehntelanger Erfahrung geprägten Blick auf Russland zur Gänze einem deutschen Publikum zu präsentieren.

Die Gründe dafür waren komplex: Zum einen finden sich in der russischen Fassung des Textes Kapitel und einzelne Passagen, die mir entweder zu persönlich erscheinen oder explizit für eine russische Leserschaft geschrieben sind. Zum anderen aber erwies sich der russische Text mit seinem stellenweise romantisierenden oder auch pauschalisierenden Duktus auf Deutsch erstaunlicherweise als befremdlich. Ich musste erkennen, dass die deutsche Fassung an nicht wenigen Stellen und in einigen Kapiteln nicht mehr meinem Wesen und meiner Art des Erzählens entsprach. Zugleich aber erhob der Text nach wie vor den Anspruch, „mein Leben“ abzubilden.

 

Ich schlug mich mehr als zwei Jahre mit dem Dilemma herum, den deutschen Text in der ursprünglichen Fassung nicht weiter verbreiten zu wollen, auch um mich selbst zu schützen. Zugleich aber war es mir ein Anliegen, mit meiner Familie, mit meinen Freundinnen und Freunden und auch mit anderen an Russland Interessierten meine Erlebnisse, Erfahrungen und Erkenntnisse im deutsch-russischen „Zwischenraum“ zu teilen.

 

Lesung und Übergabe des Buchs in den Bestand der Russischen Nationalbibliothek, Sankt Petersburg, April 2019.

 

Anlässlich des Zweiten Eurasischen Frauenforums in Sankt Petersburg erschien das Buch als Sonderausgabe, September 2018.

 

Vorstellung der ersten Übersetzung des Buches in Freiburg, Dezember 2018.

 

Foto von Karin van Mourik und Elisabeth Cheauré bei der Arbeit.

 


Ich danke daher Elisabeth Cheauré sehr für ihre Bereitschaft, den deutschen Text mit mir zusammen einer stellenweise radikalen Überarbeitung zu unterziehen.

 

Das Buch, das auf besondere Weise erst in russischer Sprache entstanden ist und dann eine elementare Revision für eine deutschsprachige Leserschaft erfahren hat, bietet keine „Potemkinschen Dörfer“, nichts Ausgedachtes, mit Ausnahme der fingierten Namen, die die meisten Protagonisten tragen. Es ist ein Versuch, mein Leben, das auf vielen Ebenen, privat wie geschäftlich, mit Russland verbunden war und ist, zu reflektieren – auch wenn es aufgrund der jüngsten politischen Entwicklungen wie ein Bericht aus einer versunkenen Welt anmuten mag. Aber alles, was ich an Positivem und Negativem erlebt und erfahren habe, ist eben – Russland. Ein Land, das für mich starke Sogkräfte entwickelt hat. Um den verfürerischen wie auch bisweilen verhängnisvollen Anziehungen nicht mit Haut und Haaren zu erliegen, war ich froh, zugleich fest in Deutschland verwurzelt geblieben zu sein. So habe ich bewusst ein Leben zwischen Deutschland und Russland gewählt.

Sogkräfte
Ein Leben zwischen Deutschland und Russland

von Karin van Mourik

 

Erschienen im Verlag Herder GmbH

ISBN Print: 978-3-451-38868-2

ISBN E-Book (EPUB): 978-3-451-82967-3

€ 20,00